Dienstag, 19 Oktober 2021 09:56

Nachruf

Am 4. August 2021 verstarb die ehemalige Schulleiterin der Ernst-Reuter-Schule 1, Frau Dr. Hannelore Christ. Mit  ihrer Amtszeit von 1999 bis 2007 ist eine weitreichende und nachhaltige Entwicklung der Schule verbunden, die bis in die Gegenwart trägt.

Als Frau Dr. Christ 1999 als erste Frau in der Geschichte der Schule die Leitung übernahm, hatte sich die Ernst-Reuter-Schule 1 nach einigen schwierigen Jahren  des Umbruchs, in dem aus der ehemaligen Gesamtschule mit Oberstufe ein reines Oberstufengymnasium wurde, konsolidiert: die Schülerzahlen wuchsen wieder, die Nachfrage nach Schulplätzen, die das Angebot  zunehmend überstieg, zeigte, dass die Schule eine stabile Rolle in der Frankfurter Schullandschaft gefunden hatte.

Frau Dr. Christs Aufmerksamkeit richtete sich in den Jahren ihrer Leitungstätigkeit vor allem auf die innere Schulentwicklung. Angesichts der Lage der Schule, am Stadtrand, in der Nordweststadt, angesichts der langen und engen Beziehung zu der benachbarten Ernst-Reuter-Schule II, einer integrierten Gesamtschule, spiegelte sich in der Schüler*innenschaft die Internationalität der Frankfurter Einwohner*innen in besonderer Weise: die Mehrzahl der Schüler*innen kam aus Familien, deren Eltern nicht in Deutschland geboren waren, und zunehmend wurde die Mehrzahl weiblich. Wollte man dieser Zusammensetzung im Unterricht und im Schulleben gerecht werden, bedurfte es eines Schulklimas, das den interkulturellen Austausch ermöglichte, den jungen Frauen persönliche und berufliche Perspektiven jenseits der  traditionellen Bahnen eröffnete und die Kompensation von unterschiedlichen Lernvoraussetzungen bewerkstelligte. Diese Schwerpunkte prägten die innere Schulentwicklung ihrer Amtszeit, in der Berufsorientierung vor allem auch für die jungen Frauen in der Schüler*innenschaft, interkulturelle Projekte und die Sprachförderung in allen Fächern durch die Schulleiterin initiiert und etabliert wurden.

Kolleg*innen und Schüler*innen schätzen ihre persönliche Haltung allen gegenüber, die in der Schule miteinander arbeiteten. Diese war von Empathie und Wertschätzung getragen. Die stets offene Tür ihres Büros galt als ihr Markenzeichen, als Zeichen ihrer Ansprechbarkeit und Zugänglichkeit für die Belange der Kolleg*innen, aber auch der Schüler*innenschaft.

Die Förderung von Frauen war Frau Dr. Christ  ein wichtiges Anliegen. Dies äußerte sich nicht nur in ihrer Leitungstätigkeit, sondern auch in ihrem Engagement im Mentoring-Projekt, das sie gemeinsam mit der damaligen Frauenbeauftragten des Staatlichen Schulamts, Frau Renata Berlin, und weiteren Kolleginnen aufbaute. In diesem landesweit einmaligen Pilot-Projekt wurden Frauen ermutigt, aber auch qualifiziert, sich auf Leitungspositionen zu bewerben.

Schon bevor die Bedeutung einer Feedback-Kultur im Rahmen der Schulqualitätsdebatte thematisiert wurde, holte sich Frau Dr. Christ Rückmeldung aus dem Kollegium zu ihrer Leitungstätigkeit, denn die Anregungen und Positionen der Kolleg*innen waren ihr wichtig. Gleichzeitig verfügte sie über eine ausgeprägte Leitungsverantwortung und ein Rollenbewusstsein, das es ihr ermöglichte, notfalls auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Alle, die mit Frau Dr. Christ an der Schule zusammenarbeiteten, attestierten ihr ein hohes Maß an Professionalität, das sie auch von den Lehrer*innen in ihrer Unterrichtsarbeit erwartete.
Frau Dr. Christ hat mit ihrer Arbeit Maßstäbe gesetzt: für das Leitungshandeln, für die inhaltliche und programmatische Ausrichtung des Schule, für den Umgang miteinander und das Bemühen um ein Schulklima, das den Schüler*innen Raum für die Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Persönlichkeiten bietet.
Ihr Wirken hat in der Geschichte der Schule nicht nur Spuren hinterlassen, sondern Wege gebahnt.

Monika Schmidt-Dietrich
Schulleiterin der Ernst-Reuter-Schule 1 von 2007 bis 2018

 

Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus dem Jahrbuch der Ernst-Reuter-Schule 2007, dem Jahr, in dem Frau Christ in den Ruhestand verabschiedet wurde. In diesem Text findet sich eine sehr anschauliche und sehr persönliche Würdigung durch Herrn Klaus von Wangenheim, einem langjährigen Kollegen von Frau Christ. Der Text ist im Original übernommen worden.

Unsere Schulleiterin Frau Dr. Hannelore Christ

Hannelore Christ als Schulleiterin zu würdigen habe ich als Aufgabe gern übernommen, verbindet mich mit ihr doch ein jahrelanges, freundschaftliches, kollegiales Verhältnis. Hingegen ist mir diese Aufgabe auszufüllen nicht leicht gefallen. Kann man einer so ausgeprägten Persönlichkeit gerecht werden? Allen, die mir dabei durch ihr Bild von Hannelore Christ geholfen haben, danke ich hiermit.

Licht
Ihr Markenzeichen war die offene Tür, die sie nicht erfunden, aber durch ihr Verhalten als Symbol für das Miteinander in der Schule füllte. Sie war erreichbar, ansprechbar, zugänglich. Und sie war vertrauenswürdig. Sie kümmerte sich um alles, war für alle da, wie dies selten in Schulen ist (oder sich allenfalls in dem Kontrollbedürfnis mancher Schulleiter äußert). Sie fand einen Zugang zu Menschen, hatte eine Art, dass man von sich viel erzählte und manchmal innerlich aufschreckte („Wem erzähle ich das eigentlich?“). Sie half, wo sie konnte. War interaktionsstark und konnte Menschen einschätzen, ohne abschätzig zu sein. Sie konnte Entscheidungen alleine treffen, und doch spürte man manchmal, dass dies einsam macht und auch die Schulleiterin manchmal für ein liebes Wort dankbar ist. Das hat viele für sie eingenommen.

Ihr war Atmosphäre wichtig, nicht nur durch Blumen oder durch die Ordnung besonders im ersten Stock. Sie wollte wissen, wie das Kollegium sie einschätzt. Noch nie hatte ein Schulleiter danach gefragt, was das Kollegium von ihm und seiner Arbeit hält. Gleichwohl vertrat sie klare Normen, sprach deutliche Worte und zog eindeutige Grenzen. Sie ließ einen nicht in Ruhe, denn sie konnte gut delegieren, aber ließ einen auch nicht allein. In Konferenzen konnte sie Unstimmigkeiten erkennen und oft auch entschärfen und unnötigen Konflikten den Wind aus den Segeln nehmen.
Verfehlungen verfolgte sie hartnäckig und strebte konsequent eine Regelung an, die der Verfehlung, den Personen und der Situation sowie dem Wiedergutmachungsanspruch gerecht werden konnte. Doch sie konnte bei diesen Aktionen auch ab und zu geben, wenn die ins Auge gefasste Maßnahme keine Chance hatte, wirksam zu werden.
Konflikte zwischen SchülerInnen und LehrerInnen nahm sie ernst, stand klar auf der Seite des professionellen Rollenverständnisses bei LehrerInnen und klar auf der Seite derjenigen, die kommunikative Auseinandersetzungen favorisierten. Täuschungsversuchen, Verschleierungen und Verdrängungen trat sie unmissverständlich entgegen. Sie schien von einer strengen protestantischen Lebenshaltung geleitet, souverän, manchmal mit angespannter oder angestrengter Mine.
Sie holte sich bei KollegInnen und auch im Kollegium Rat und konnte Korrekturen der eigenen Haltung vornehmen. Alle, die ich sprach, lobten oder attestierten ihre Professionalität, Kompetenz und Leitungsverantwortung. Sie, die sie die erste Frau in der Reihe der männlichen ERS-Leitungsspitze ist, hat Männern gezeigt, wie frau klar führen und menschlich Anteil nehmen kann, und Frauen, dass dies kein Widerspruch sein muss.

Alle Schülerinnen und Schüler anerkannten ihren guten, anspruchsvollen Unterricht. Sie habe sehr genau auf Regeleinhaltung geachtet, besonders beim Zuspätkommen. Sie sei hilfsbereit gewesen und ein Vorbild für eine emanzipierte Frau.
Vielen Schülerinnen und Schülern erschien sie widersprüchlich, im unmittelbaren Kontakt für manche ängstigend, was sich besonders vor dem mündlichen Abitur bemerkbar machte. Männer und Frauen behandele sie gleich, aber Frauen ängstigten sich eher. Die widersprüchlichen Beschreibungen lauteten, sie sei undurchschaubar - offen, sympathiegeleitet - fair, dominant - unterstützend, in ihrer Direktheit verletzend – schützend, gefühlskalt – einfühlsam und warmherzig, unnahbar wie durch Panzerglas - bemutternd.
Anscheinend fiel es den Schülerinnen und Schülern schwer, die gelebte Distanz, in der Hannelore Christ ihnen zugleich zugetan war, anzunehmen. Dazu sind Jugendliche vielleicht noch nicht selbstsicher genug und verwechseln leichter diese Rollendistanz mit Sympathie- bzw. Antipathieäußerungen.

Schatten
Zu Beginn vom Kollegium euphorisch begrüßt, musste diese ideal erscheinende institutionelle Beziehung zwangsläufig Enttäuschungen ertragen. Sie hinterließen auf beiden Seiten Spuren. Zu disparat können Interessenskonstellationen in der Schule sein, als dass eine Schulleiterin es allen recht machen könnte und bei allen beliebt bliebe.
Einige hatten den Eindruck, dass ihre Beziehung zu ReferendarInnen und zu manchen KollegInnen (mit bestimmten Problemen) von ihrer Sympathie abhing. Dieser Eindruck ist im Grunde die mögliche Kehrseite eines Rollenverhaltens, das keine Fassaden baut, sondern die Person in der Rolle erlebbar hält. Wenn erlebbar war, dass gelingende Beziehungen ihrer Förderung sicher sein konnten, so konnte umgekehrt eine distanzierte Beziehung um so kränkender erscheinen.
Gelegentlich blieb eine Entscheidung für Einzelne unverständlich, sei es dass die Vermittlung der Gründe misslang oder andere als die offiziell bekundeten Gründe eine Rolle zu spielen schienen.
Gelegentlich gab es Irritationen, die der Frauen-Männer-Frage geschuldet schienen. Sie hat einen Frauenblick und hat viel für Frauen getan, die Unsicherheit und Unterwürfigkeit von Frauen berührte sie persönlich. Gleichwohl hatten Männer es nicht unbedingt schwerer. Für sie selbst war wohl schwieriger auszuhalten, wenn die Beziehung zu Männern oder Frauen formalistisch gehandhabt wurde und sie zu Machtspielen genötigt wurde, die sie zwangen Defizite zu offenbaren. Eine solche Situation musste sie verletzen, denn sie hatte keine Probleme Fehler einzugestehen oder sich zu entschuldigen. Aber sie konnte auch unnachgiebig sein, wenn in Konflikten die notwendige Verständigung nicht erreichbar war.

Dank
Es sei mir gestattet den Dank der KollegInnen in meinem persönlichen Dank vorzutragen:
Liebe Hannelore, ich kann mit Worten nur schwer ausdrücken, wie tief ich dafür dankbar bin, dass Du in den letzten Jahren meines Schullebens, das in einem guten halben Jahr endet, meine unmittelbare Dienstvorgesetzte warst. Bei Dir erlebte ich, dass ich immer willkommen war, womit ich auch kam.
Bei Konflikten mit SchülerInnen standest Du mir zur Seite, bei manchmal ungewöhnlichen Ideen klärte Dein Realitätsblick, bei Initiativen bekam ich Rückenwind und beim Loswerden von Alltagsbelangen Deine Anteilnahme. Mit Dir erlebte ich institutionelle Kooperation in der von mir gewünschten Weise, auf Augenhöhe, die unterschiedlichen Rollen ausgestaltend und für die kollegiale und pädagogische Arbeit gewinnbringend nutzend. Ich konnte sicher sein, dass Du mitdachtest, Unterstützung gewährtest oder Auswege ersannst. Wir konnten über alles reden und Kontroversen aushalten, weil wir Verständnis füreinander möglich machten. Du konntest verschwiegen sein, hast Dein Wissen nie missbraucht.
Manchmal ließ ich, statt den schulinternen Dienstweg einzuhalten, einen Vorgang über Dich laufen, weil ich mir Deiner prinzipiellen Unterstützung gewiss war.
Als Kollegin im Fach Ev.Religion konnte ich auf Deine kreativen Impulse hoffen, wenn es galt, die Innenwelt der SchülerInnen aufzuschließen und „zur Sprache“ zu bringen. In den Fachkonferenzen, die gelegentlich in Privaträumen, auch bei Dir, stattfanden, verband sich Kulinarisches mit Inspiration, gegenseitige fachliche Unterstützung mit persönlicher Anteilnahme.
Bei gemeinsamen Unterrichtsbesprechungen im Rahmen von Unterrichtsbesuchen bei ReferendarInnen konnten sich diese Deiner Unterstützung (auch gegen Dir ungerechtfertigt erscheinende Fachleiterkritik) sicher sein. Deine Anregungen aufgrund Deines weiten pädagogischen Blicks auf das Gesamtgeschehen verbandest Du stets mit konkreten Hilfen für die Praxis. Allerdings: Naivität, Sorglosigkeit im Umgang mit inhaltlichen Fragen oder gar „nach-dem-Mund-reden“ durften sich ReferendarInnen nicht erlauben. Hier fanden sie in Dir eine verantwortungsbewusste, sich selbst gegenüber den Erfordernissen des Schulalltags in die Pflicht nehmende Kollegin und Schulleiterin vor, die klar und verbindlich ihre Sicht vortrug.
Du hast aufgrund Deiner klaren pädagogischen, auf Dialog setzenden Konzeption von Schule die Impulse von uns KollegInnen aufgenommen und ihnen Unterstützung und Richtung gegeben. Du hast diese Erfahrungen der ERS auch in Vorträgen und Referaten auf Dienstversammlungen und Fortbildungen kompetent und engagiert weitergegeben.
Die Tastsache, dass SchülerInnen wie LehrerInnen Dich so ähnlich beschreiben, weist Dich als eine Menschin aus, die in ihrer Haltung anderen gegenüber nicht zwischen Rollenträgern, sondern zwischen Personen unterschied. Du hast Dein Wesen, Deine Fähigkeiten und Dein Handeln in direkt gelebten Beziehung unprätentiös gezeigt. Nie hattest Du die Aura einer Direktorin um Dich, Du bliebst authentische Person in Deiner Rolle, ernsthaft, gewissenhaft, wach, humorvoll, anteilnehmend und unterstützend. Es war, wie ein Kollege sagte, ein Luxus, Hannelore Christ als Schulleiterin zu haben.
In herzlicher Verbundenheit,
stellvertretend für die Kolleginnen und Kollegen Dir dankend

Klaus von Wangenheim

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